Aus dem Nichts

Politthriller nach dem Film von Faith Akin

Mit Anna Schäfer, Mathias Kopetzki, Christian Meyer, Martin Molitor, Maika Troscheit, Constanze Aimée Feulner, Philip Wilhelmi
Regie: Miraz Bezar

Es gab in der Geschichte der Bundesrepublik nur vier Prozesse, die international für Aufsehen sorgten und als Meilensteine für die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte gelten:
• die Nürnberger Prozesse ab 1945, in denen ein internationales Militärtribunal die Haupt-NS-Täter für ihre Verbrechen zur Verantwortung zog
• die Auschwitz-Prozesse ab 1963 in Frankfurt, in denen durch die Auseinandersetzung mit dem Holocaust erstmals auch die Mittäter für ihre Beihilfe zum Massenmord in den Vernichtungslagern zur Rechenschaft gezogen wurden
• die Stammheim-Prozesse ab 1975 in Stuttgart gegen einige Mitglieder der terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF)
• und der Münchner NSU-Prozess ab 2013

2017 brachte der auch international renommierte Hamburger Filmemacher Fatih Akin einen Film über rechtsextremistische Morde in Deutschland aus Sicht der Opfer und Hinterbliebenen heraus. Jetzt geht der brandaktuelle Stoff über den Umgang des deutschen Rechtsstaats mit Opfern und Tätern nationalsozialistischer Verbrechen als Bühnenstück mit dem EURO-STUDIO auf Tournee!

Zum Inhalt
Es ist eine Geschichte, die man nie erleben möchte, ein emotionales Drama über Verlust und Trauer, das noch lange beschäftigt: An einem Nachmittag bringt Katja ihren kleinen Sohn Rocco ins Büro ihres deutsch-kurdischen Mannes Nuri. Als sie am Abend zurückkehrt, sind beide tot. Eine vor dem Büro deponierte Nagelbombe hat alles zerfetzt. Katjas Welt hat sich aus dem Nichts heraus für immer verändert. Vor dem Anschlag hatte sie am Tatort eine junge Frau gesehen, die ihr mit einem schwarzen Behälter bepacktes Fahrrad an einer Laterne abstellte. Doch statt diese Spur zu verfolgen stürzt sich die Polizei lieber auf Nuris Dealer- bzw. Gefängnis-Vergangenheit und ermittelt im Rotlichtmilieu. Dann gehen ihnen zufällig die wahren Täter ins Netz. Hauptverdächtig ist das Neonazipärchen Möller. Aber der Prozess entwickelt sich anders als Katja erhofft. Obwohl ihr Anwalt Danilo von einer wasserdichten Beweislage ausgeht – in der Garage des Paares werden alle Bestandteile für den Bau einer Bombe gefunden –, gelingt es dem Verteidiger der Angeklagten durch eine perfide Verteidigungsstrategie, die eindeutigen Indizien in Frage zu stellen und den Prozess zu deren Gunsten zu entscheiden: Die Möllers werden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Gedemütigt und entsetzt beschließt Katja, das Gesetz selbst in die Hand nehmen.

Der Regisseur und Autor Fatih Akin besuchte für die Recherche zu seinem hochaktuellen Filmdrehbuch drei Gerichtsverhandlungen des NSU-Prozesses. Anlässlich der Premiere seines Films in Cannes sagte er: »Der Skandal bestand nicht darin, dass deutsche Neonazis zehn Menschen getötet hatten. Der eigentliche Skandal bestand darin, dass die deutsche Polizei, die Gesellschaft und die Medien alle überzeugt waren, dass die Täter Türken oder Kurden sein müssten, dass irgendeine Mafia dahintersteckte.« Diese Frustration war für ihn eine Initialzündung, das Drehbuch zu „Aus dem Nichts“ zu schreiben.

„Aus dem Nichts“ ist ein meisterhafter Rachethriller vor dem Hintergrund der deutschen NSU-Morde, der auf ein provozierendes Ende hinausläuft. Die Parallelen zu der Mordserie von Uwe Mundlos, Uwe Bönhardt und Beate Zschäpe sowie zum anschließenden NSU-Prozess liegen auf der Hand. Die rechtsradikalen Terroristen ermordeten mutmaßlich zehn Menschen und verübten Raubüberfälle und drei Sprengstoffanschläge. Die Polizei tappte jahrelang im Dunkeln und suchte im Umkreis der sowieso schon traumatisierten Opfer nach den Tätern, oder – noch schlimmer – machte die Opfer zu Tätern. Niemand vermutete die Täter im rechten Milieu.

Euro Studio Landgraf

Kritiken

Kritik aus der Borkener Zeitung vom Samstag, 02.11.2019

"Aus dem Nichts" auf der Vennehof-Bühne
Vorurteile stoßen auf große Trauer

Von Claudia Peppenhorst

Borken. Vorurteile, vorgefasste Meinungen und falsche Beschuldigungen kollidierten mit der grenzenlosen Trauer der Protagonistin in dem Theaterstück "Aus dem Nichts", das das Landgraf-Ensemble in dieser Woche auf die Bühne der Stadthalle brachte.

Die Bühnenfassung von Miraz Bezar unterschied sich in ihrer Aussage stark von dem gleichnamigen, preisgekrönten Kinofilm von Fatih Akin. Beide Werke beschäftigen sich mit dem rechten Terror aus dem NSU-Komplex. Der Film fiktionalisiert die Geschehnisse in der Kölner Keupstraße. Katja, die Ehefrau des Kurden Nuri Serkerci, nimmt Rache für den Mord an ihrem Ehemann und ihrem Sohn, die bei dem Nagelbomben-Attentat umgekommen waren. Sie sprengt sich im Wohnmobil der beiden Täter in Griechenland in Form eines erweiterten Suizids mit einer Nagelbombe in die Luft.

Die Bühnenfassung kümmert sich mehr um die realen Ereignisse in Deutschland. "Mir ging es darum, die Geschichte und das Schicksal der Katja Sekerci aus dem Film mit den noch unbeantworteten Fragen im realen NSU-Komplex zu verbinden", erklärte Miraz Bezar in einem Interview. Er hatte ein Jahr lang den NSU-Prozess verfolgt. Alle Opferfamilien erlebten durchweg die gleiche Behandlung: Ihre ermordeten Angehörigen seien von den ermittelnden Behörden kriminalisiert worden. Sehr oft sei in diesem Zusammenhang von institutionellem Rassismus gesprochen worden, erklärte der Regisseur. Wie weitreichend die Vernetzung innerhalb der militanten rechten Szene in Deutschland ist, wollte der Autor der Bühnenfassung zeigen.

In drei Kapiteln wurde die Geschichte auf der Bühne gezeigt: Wahrheit, Gerechtigkeit und Wahrheit sowie Politik. Alle drei Komplexe wurden durch die Handlungen der Behörden und Institutionen konterkariert und so ad adsurdum geführt. Das gipfelte in der Aussage eines Staatssekretärs am Ende des Stücks: "Das Recht hat der Politik zu folgen und nicht die Politik dem Recht."

Ein hochkonzentriertes Publikum hatte im Vennehof aufgrund der Fülle der gezeigten Ungeheuerlichkeiten kaum die Möglichkeit, all das Gehörte zu verarbeiten. Vielfach blieb der Kloß wohl quasi im Hals stecken, den das hervorragend spielende Ensemble den Zuschauern vorsetzte. Ganz besonderes Lob gebührt der Hauptfigur, außergewöhnlich und immer überzeugend gespielt von Anna Schäfer.

Nach viel Beifall diskutierten die Schauspieler in kleinem Rahmen bei einer Nachbesprechung mit den Zuschauern über das Stück. Denn ihnen sei sehr daran gelegen, es mit dieser 28. Aufführung nicht bewenden zu lassen. Das Ensemble wollte das Thema weitertragen. Schließlich ist Bezars Aussage, dass sich in Deutschland zurzeit Gruppen bilden, die sich aktiv auf Morde vorbereiten, nicht nur eine Vermutung.

Kritik (Film)

„Aus dem Nichts“ zieht den Zuschauer in einen seelischen und moralischen Konflikt von schier antiker Wucht hinein. [Das macht das Thema] zu einem eindringlichen berührenden Drama.
Ursula März, www.zeit.de/audio, 22.11.2017